Wie lässt sich Erotik und Sexualität auch in langjährigen Beziehungen leben und genießen? Die ebenso einfache wie anspruchsvolle Gegenfrage ist, um welche Werte es dabei geht? Und werden diese Werte geteilt? Werden sie als Teil einer lebendigen und sinnerfüllten Partnerschaft bewusst gestaltet?
Aus Sicht der Logotherapie und Existenzanalyse, wie ich sie nach Viktor Frankl in die Beratung und Therapie einbringe, ist es entscheidend, dass Paare ihre Sexualität als sinnstiftenden Teil ihrer Beziehung begreifen. Es geht nicht vor allem um körperliche Befriedigung, auch wenn diese ein wichtiger Aspekte ist. Vielmehr geht es um eine eine tiefere Verbindung, die Ausdruck der gemeinsamen Werte und Lebensziele ist. Dabei ist stets vorauszusetzen, dass Sexualität kein Muss ist und Erotik auch in wenig körperlichen Alltagssituationen erlebt werden kann. Es gibt wiederum Paare, die nach Jahren einer Pause, ihr Bedürfnis nach Sexualität und Nähe neu entdecken und beleben möchten.
Wertorientierte Intimität
Paare sollten sich also fragen, welche Werte sie durch ihre Sexualität zum Ausdruck bringen möchten. Ist es das Erleben körperlicher Nähe? Geht es um Vertrauen, das auch durch Berührung und Sinnlichkeit erfahrbar werden soll? Steht der spielerische Ausdruck und gemeinsame Kreativität im Zentrum? Oder wird die Erotik vielleicht sogar zum Miteinander in spiritueller Verbundenheit?
Worum es auch geht, in logotherapeutisch-existenzanalytischer Sicht kann jede intime Begegnung als Möglichkeit ergriffen werden, den Partner oder die Partnerin neu zu entdecken und die Beziehung zu vertiefen. Als Ausdruck der Verbundenheit ist jede Begegnung »sinnvoll«, auch wenn sie sich darauf stützt, die Sexualität außen vor zu lassen und das Bedürfnis nach Erotik nicht zu verspüren. Intimität kann als existenzielle Dynamik einer Partnerschaft auch bedeuten, sich innerhalb der Beziehung persönlich zu entwickeln.
Ist es dann ein Paradox, dass zu viel Nähe die erotische Spannung mindern kann? Sollte es so sein, tritt neben der Verbundenheit ein weiterer Aspekt von Partnerschaft in den Vordergrund: Es ist wichtig, dass beide Partner ihre Eigenständigkeit bewahren und ihre Individualität pflegen. Dies schafft den notwendigen Raum für Sehnsucht und Neugierde. Vielleicht reizt es einige Paare auch, über ihre individuelle Andersartigkeit hinaus ein gewisses Maß an Polarität zu kultivieren. Die Unterschiedlichkeit der Partner könnte dann als Quelle der Anziehung gefeiert werden. Dies kann durch bewusste Wahrnehmung der einzigartigen Qualitäten des anderen gefördert werden.
Freiheit und Verantwortung in der Sexualität
Ein zentrales Konzept der Logotherapie ist, dass jeder Einzelne die Verantwortung für sein Leben übernimmt und zu übernehmen hat. Dieses Prinzip gilt auch für die Sexualität des Einzelnen in der Partnerschaft. Das kann einhergehen mit der Frage der Partnerin oder des Partners: »Was kann ich tun, um unsere Intimität zu leben? Zu bereichern?« – Solange Einigkeit herrscht, dass Intimität ein wesentlicher Wert der Partnerschaft ist, kann diese Haltung davor schützen, die Verantwortung auf den anderen abzuwälzen. Doch nicht immer ist es möglich, mit sich oder dem anderen offen ins Gespräch zu kommen und die eigenen Wünsche, Ängste und Fantasien in Worte zu fassen. Dabei geht es nicht um Forderungen, sondern um ehrlichen Ausdruck des eigenen Erlebens. Hier authentisch zu bleiben und auch Enttäuschungen und Irritationen auszuhalten sind für das Miteinander essentiell.
Zur Verantwortung gehört auch die Freiheit für ein erfülltes Leben. In der Partnerschaft meint das, dem anderen Freiräume zuzugestehen und auch die eigene Freiheit Wirklichkeit werden zu lassen. Die freie Entscheidung für Nähe erhöht die erotische Spannung. Wird Intimität als Pflicht und Verpflichtung empfunden, schwindet die Spannung. Aus der erotischen Spannung heraus können Paare aber auch experimentierfreudig werden. Sie regt dazu an, neue Formen der Intimität zu erkunden, die beide als bereichernd empfinden.
Frankl sieht den Menschen als Wesen, das stets auf anderes oder auf einen Anderen bezogen ist. Diese Transzendenz beschränkt sich aber nicht auf das Innerweltliche. Lässt man sich darauf ein, kann sich dies auch in der Sexualität als Erfahrung von etwas Größerem als dem Selbst ausdrücken. Durch Sexualität erlebte Momente von Intimität können so als Tor zu einer tieferen Verbundenheit nicht nur mit dem Partner, sondern auch mit dem Leben selbst erlebt werden.
Ein anderer Blick auf Sexualität und Erotik
Gestaltet man das Liebeslebens gemeinsam, kann das zu einem kreativen Akt werden, der über das Alltägliche hinausgeht. Die logotherapeutische und existenzanalytische Perspektive lädt Paare ein, ihre Sexualität als Ausdruck ihrer tiefsten Werte und ihres Strebens nach Sinn zu betrachten. Indem sie Verantwortung für ihr körperliches Miteinander übernehmen, ihre Individualität pflegen und gleichzeitig nach Verbundenheit streben, ist es Paaren möglich, auf allen Ebenen eine erfüllende und dauerhafte Beziehung zu gestalten.